Amtliche Meldung

Neues aus dem Stadtarchiv

Das Stadtarchiv-Team möchte den Beitrag der Studentischen Hilfskraft Katrin Kober des Institut für Geschichtliche Landeskunde an der Universität Mainz e.V. vom 21.07.2020 zur Ortsgeschichte von Nastätten niemanden vorenthalten: https://www.regionalgeschichte.net/index.php?id=19032

Vor- und Frühgeschichte

Nastätten und die unmittelbare Umgebung wurde nachweislich schon früh besiedelt. Aus vorgeschichtlicher Zeit gibt es in Richtung der Gemeinde Buch ein Gräberfeld von 250m² mit insgesamt 76 Grabhügeln, in denen Urnen, Tonscherben und einige wenige Metallbeigaben gefunden worden waren. Sie werden in die Hallstattzeit C, also in den Zeitraum von 800 bis 620 v. Chr. datiert. Auch lief ein keltischer Handelsweg durch den Ort. Archäologen vermuten, dass es dort ebenso eine keltische Höhensiedlung gab und das Gebiet Nastättens vor und während der Römerzeit von Kelten bewohnt war.

Nastätten liegt etwa 5km entfernt vom römischen Limes in der heutigen Gemeinde Holzhausen, deren Kohortenkastell im Jahr 233 n. Chr. durch einen Brand zerstört wurde. Nach Rückzug der Römer waren vermutlich kurzzeitig Alemannen im Gebiet, die jedoch keine feste Besiedlung vornahmen und dementsprechend nicht eindeutig archäologisch bestätigt werden können. Ihnen folgten die Franken.

Etymologie

Bis 1710 wird der Name der Gemeinde fast immer „Nastede“ bzw. „Nasteden“ geschrieben. Die Endung „stede“ bzw. „stätte“ bestätigt möglicherweise eine allemannische Gründung im 3. bis 5. Jh. n. Chr. Ob der Name etwas mit „nass“ zu tun hat, ist ungewiss, jedoch lassen die Ortsnamen der Umgebung auf vorgeschichtliches Sumpfland schließen: Miehlen und Mühlbach stammen vom keltischen „myl“, Sumpf; Marienfels von „mar“, Sumpfland.

Albert Spriestersbach führt den Ortsnamen ebenso auf einen germanischen Dialekt aus der Völkerwanderungszeit zurück. Er deutet den ersten Teil auf „hnack“, was in etwa Nacken bedeutet und sich auf den geographisch markanten Felsen in der damaligen Ortsnatur bezieht, auf dem später die Sankt Salvator-Kirche errichtet wurde.

Mittelalter

Die Gemeinde Nastätten selbst wurde erstmals 893 in einem Güterverzeichnis der Klosterabtei Prüm in der Eifel als „Nastede“ erwähnt. Prüm wollte sich wie viele andere Herrschaften auch Orte rechts des Rheins sichern, nachdem der Schwerpunkt der Herrschaft Karls des Großen und seiner Nachfolger hauptsächlich links des Rheins gelegen hatte. Aus vielen weiteren Urkunden ist bekannt, dass die Umgebung um Nastätten hierbei sehr beliebt war. So wurde die Klosterabtei Grundherrin über ein großes Stück Land und dementsprechend auch über viele abhängige Bauern, die das Land bewirtschafteten und dem Kloster zu Abgaben verpflichtet waren; ebenso gab es zwei Mühlen in Nastätten.

Spätestens 1185 wurde die Vogtei über die zu St. Goar gehörenden Besitzungen, zu denen auch Nastätten gehörte, an die Grafen von Katzenelnbogen übertragen. Auch Urkunden aus dem 14. Jahrhundert bestätigen, dass das Adelsgeschlecht von der Abtei Prüm mit den Herrschaftsrechten belehnt worden ist. Bis 1448 hatte sich das Klostervollständig aus Nastätten zurückgezogen. 1449 kauften die Katzenelnbogener Grafen das Gebiet endgültig.

Die Kirche von Nastätten wurde erstmals um 1260 in einer Urkunde erwähnt, in der die Grafen Diether V. und Eberhard I. von Katzenelnbogen ihr Herrschaftsgebiet aufteilen. Dabei wird das frühe Nastätten entlang der Straße, die zur Kirche führt, in zwei Teile gespalten, was in der darauffolgenden Zeit immer wieder für Rechtsstreitigkeiten sorgte. Da in der Urkunde auch die damaligen Oberhäupter der Familien Nastättens aufgelistet sind, die ebenso als Untertanen zwischen den beiden Grafen aufgeteilt wurden, können wir vermuten, dass schon zu dieser Zeit 300 bis 400 Menschen in dem Dorf gelebt haben.

Die Kirche bestand wohl schon lange vor diesem Ereignis und war Überlieferungen zufolge im Mittelalter eine Stiftskirche mit dem Namen San Salvator. Vermutlich wird seit 1528 evangelisch in der Kirche gepredigt. Das Gebäude besteht in drei verschiedenen Baugruppen, in denen verschiedene Bauphasen erkennbar sind: Der Turm und das ursprüngliche Kirchenschiff sind spätromanisch, der Chor wurde laut einer angebrachten Jahreszahl 1479 fertiggestellt. Dendrochronologische Untersuchungen konnten die ältesten Teile der Kirche auf mindestens das Jahr 1200 datieren.

Die Kirche überstand den Dreißigjährigen Krieg unbeschadet, musste schließlich aber 1774 restauriert werden. Damals wollte man mehr Licht in die wohl recht dunkle Kirche lassen, indem man die tragenden Pfeiler im Inneren schmaler machen wollte. Allerdings wurden dabei die Steine an den Pfeilern zu tief und zu weit aufgebrochen, sodass das ganze Gewölbe einzustürzen drohte und man es vollständig abtragen musste. Der Neubau bestand im schlichten Stil des ausgehenden Barocks. Die gesamte Kirche wurde 1934/35 und erneut 1999 restauriert.

Als 1479 der letzte Graf von Katzenelnbogen, Philipp I., starb, fiel sein gesamter Besitz an seine Tochter Anna, die mit dem Landgrafen Heinrich III. von Hessen verheiratet war und somit de facto diesem gehörte. Dies war der Startpunkt des bis 1557 andauernden Katzenelnbogener Erbfolgestreits zwischen den Häusern von Hessen und Nassau-Dillenburg, die beide Herrschaftsansprüche über die Niedergrafschaft erhoben.

Nach dem Tod des Landgrafs Philipp I. von Hessen 1583 wurde die Landgrafschaft unter seinen Söhnen geteilt. Nastätten und die umliegende Niedergrafschaft ging an seinen zweitjüngsten Sohn Philipp II., der daraus die Landgrafschaft Hessen-Rheinfels gründete. Diese wurde wiederum seinem Bruder Moritz zur Landgrafschaft Hessen-Kassel zugeordnet, als Philipp II. 1583 ohne Erben starb. Auch dies führte zu Konflikten, sodass Nastätten und die Niedergrafschaft während des Dreißigjährigen Kriegs von 1623 bis 1647 zu Hessen-Darmstadt gehörte und erst von 1648 bis 1806 wieder zu Hessen-Kassel.

So kompliziert die Besitzverhältnisse um das damalige Dorf waren, war der Alltag der Bewohner hauptsächlich von der Landwirtschaft geprägt. Das Nastätter Gewerbe war wie andernorts in Zünften organisiert, von denen sich besonders die der Tuchmacher und Wollweber hervortaten. Seit der Mitte des 15. Jahrhunderts handelten die Nastätter erfolgreich mit hochwertigen Wollstoffen. „Nastätter Tuch“ bestand aus Schafswolle oder auch Flachsgarn, und wurde mithilfe der Waidpflanze blau gefärbt. Aus diesem Produkt entstand die Bezeichnung „Blaues Ländchen“ für das Gebiet um Nastätten.

Frühe Neuzeit bis 19. Jahrhundert

Nastätten litt wie alle Dörfer in der Region sehr unter dem Dreißigjährigen Krieg. Das Dorf bestand damals aus 34 Häusern und besaß 49 waffenfähige Männer. Schon 1623 wurden kaiserliche, bayrische und lauenburgische Truppen im Dorf einquartiert, was erhebliche Unkosten verursachte, die die Bewohner selbst zu tragen hatten. In den 1630er Jahren grassierte zudem die Pest; 1637/37 starben über 80 Menschen an der Seuche und wurden auf einem gesonderten Friedhof, dem „Pestilenzenacker“ oder „Pestacker“, beerdigt. Im Juni 1636 berichtet Pfarrer Plebanus von Miehlen, dass die noch übrig gebliebenen Einwohner Nastättens das Dorf verließen, um sich vor Krieg, Hunger und Krankheit in Sicherheit zu bringen. Sie flohen nach Patersberg, welches durch die umliegenden Burgen Rheinfels, Katz und Reichenberg besser geschützt war. Die Menschen litten unter einer Hungersnot und mussten sich von Kräutern, Laub, Wurzeln und Tierkadavern ernähren. In den Kriegsjahren 1626 bis 1636 waren über 135 Tote in Nastätten zu beklagen. Der Wiederaufbau gelang nur langsam.

1655/6 wurde die katholische Kirche St. Peter und Paul von Landgraf Ernst von Hessen-Rheinfels-Rotenburg errichtet, der auch Kirchen in St. Goar und Bad Schwalbach stiftete.

Im Vergleich wirkten die Kriege des 18. Jahrhunderts mild auf Nastätten, waren jedoch umso teurer. Um 1790 verzeichnete das Dorf 1.055 Einwohner mit einem aus Kriegen resultierenden merklichen Frauenüberschuss. Es gab 13 Juden. Jährlich fanden vier Kram- und Viehmärkte statt, ab 1805 sechs, jedoch war nur die nähere Umgebung beteiligt.

Noch vor 1800 geriet das linke Rheinufer und damit St. Goar an Frankreich. Die Befugnisse des Amtes Reichenberg, welches St. Goar unterstellt war, gingen nun an das neue Amt Nastätten. Dieses hatte seinen Sitz in Nastätten und war gegründet worden, als das Landgericht der vier Herren auf dem Einrich 1775 aufgelöst wurde.

Von 1806 und bis 1813 war das Gebiet unter französischer Verwaltung Napoleons (Pays réservé). An Napoleons Russlandfeldzug 1812 nahmen auch zwei Soldaten aus Nastätten teil: Freiherr Hermann von Sohlern, dessen Eltern ihm eine Offiziersstelle erkauft hatten, kam nie zurück und blieb verschollen. Friedrich Steeg, eigentlich Bäcker, war gutaussehend und groß, und wurde deshalb der Kaisergarde zugeteilt. Er starb beim Rückzug über den Fluss Beresina, als die Brücke unter der Last der Wägen und flüchtenden Soldaten einstürzte.

Ende 1813 zog der preußische General Gebhard Leberecht von Blücher innerhalb der Befreiungskriege gegen Napoleon mit seinen Truppen durch Nastätten, bevor sie in der Neujahrsnacht 1813/14 bei Kaub den Rhein überquerten. Zur Versorgung der Armee sollte jeder Haushalt sechs Soldaten aufnehmen. Da so auch Offiziere in Nastätten untergebracht waren, blieb es von Schäden durch den Krieg größtenteils verschont. Allerdings verbreiteten sich durch die durchziehenden Truppen Fiebererkrankungen, die damals als Lazarettfieber bezeichnet wurden, und forderten auch in der Zivilbevölkerung viele Tote.

Im Wiener Kongress 1816 schließlich wurde Nastätten dem Herzogtum Nassau einverleibt, welches wiederum im preußisch-österreichischen Krieg 1866 vom Königreich Preußen annektiert worden war. Es war zunächst der Provinz Hessen-Nassau zugeordnet und ab 1886 dem neu gegründeten Kreis Sankt Goarshausen. Von 1815 bis 1871 war die Einwohnerzahl von 1.355 auf 1.653 gestiegen; 1853 gab es einen Höchststand von 1.907 Personen.

Auch im 19. Jahrhundert war Nastätten noch immer bäuerlich-kleingewerblich geprägt und die Industrialisierung schritt nur zögerlich voran. Ein erstes größeres Unternehmen in der 1816/17 zur Stadt erhobenen Gemeinde war die Seidenweberei Kampf & Spindler, die 1907 in Nastätten ansässig wurden und Werksiedlungen ihre Arbeiter errichtete. 1969 schloss das Werk.

Von 1867 bis zu seiner Verlegung nach St. Goarshausen 1967 gab es ein Amtsgericht in Nastätten.

Erster Weltkrieg und Nationalsozialismus

Mehr als 300 Einwohner aus Nastätten kämpften im Ersten Weltkrieg, mindestens 52 von diesen starben dabei. In der Stadt selbst war das 1897 als Altenheim gestiftete Kaiser-Wilhelm-Heim zum Lazarett umfunktioniert worden, um dem Roten Kreuz etwa 100 Betten für Kriegsverwundete zur Verfügung zu stellen.

Den Gemeinden wurden Kriegsgefangene zugeteilt, um die zum Militär eingezogenen Landwirte zu ersetzen. So trafen im Juli 1915 die ersten 23 französischen Gefangenen in Nastätten ein, von 1916 bis 1918 halfen jeweils 60 bis 80 weitere russische Kriegsgefangene in der Landwirtschaft. Das Zusammenleben der Anwohner und der Gefangenen gestaltete sich friedlich, und der damalige Bürgermeister Wasserloos kritisierte, dass man sie „zu freundlich“ behandeln würde.

Vom 14. Dezember 1918 bis zum 9. September 1919 waren Nastätten und Umgebung französisch besetzt und gehörte bis 1929 zur französischen Besatzungszone. Diese Jahre waren vor allem geprägt durch wirtschaftliche Notstände, aber auch den Anschluss Nastättens an Strom-, Gas- und Wasserversorgung bis 1926.

Der “Schwarze Sonntag”

Einen entscheidenden Bruch in der politischen Geschichte Nastättens stellten die Vorfälle vom 6. März 1927 dar.Die Bevölkerung Nastättens wählte in den Reichstagswahlen der 1920er Jahren mehrheitlich liberal bis konservativ. Die NSDAP und nationalsozialistische Bewegungen konnten bis 1926 nur schlecht im Gebiet Fuß fassen, da die Verbote der französischen Besatzer das Partei- und Vereinsleben erheblich einschränkten. Erst durch einen vermeidbaren Unglücksfall bekam die NSDAP so viel – wenn auch negative – Aufmerksamkeit in der Presse, dass sie einem größeren, überregionalen Publikum bekannt wurde.

Am Sonntag, den 6. März 1927, planten mehrere jüdische Kaufleute und Landwirte von Nastätten eine öffentliche Diskussionsrunde unter dem Motto Das wahre Gesicht der Nationalsozialisten im Hotel Guntrum. Sie wollen ein Zeichen gegen die immer häufigere antisemitische Hetze und vermehrten Veranstaltungen der NSDAP im Taunus setzen. Der jüdische Landwirt Hermann Hennig, der 3. Vorsteher der jüdischen Gemeinde namens Herz Grünewald, sowie der Nastätter Bürgermeister Wasserlos überzeugten den Wirt des Hotels, ihnen den Veranstaltungssaal zu Verfügung zu stellen – genau an dem Tag, an dem die NSDAP dort ihre erste Kundgebung in Nastätten plante. Neben dem Mainzer Rabbiner Dr. Levy wurden auch der evangelische und der katholische Pfarrer von Nastätten angekündigt. Letztere distanzierten sich später jedoch beide von der politischen Implikation des Ereignisses.

Die Gauleitung der NSDAP in Köln erfuhr am Vortag durch einen Anruf von Parteianhängern aus Niederwallmenach von der geplanten Veranstaltung. Gauleiter Robert Ley beschloss, die Gelegenheit seinerseits auszunutzen, um die Diskussionsrunde durch Beiträge der Nationalsozialisten zu sabotieren und „Rache“ dafür zu nehmen, dass ihm der reservierte Veranstaltungsraum genommen wurde. NS-Organisationen der näheren Umgebung Oberlahnstein, Braubach, Nassau, Singhofen und Wiesbaden wurden eingeladen, sowie rund 150 Mann der Ortstruppen aus Köln, Wiesdorf, Neuwied, Arenberg und Koblenz, die in LKWs anreisten. Darunter befanden sich ebenso Mitglieder von SA und SS. Der Gauleitung schien bewusst zu sein, dass es zu Gewalt kommen würde, wenn sie es nicht von vornerein planten: Einige der Beteiligten trugen Schlagringe und Stöcke bei sich. Karl Zenner, der Führer der SS im Bezirk Koblenz, begründete das riesige Aufgebot von Truppen später vor Gericht damit, dass sie befürchteten, ihre Diskussionsleiter könnten von den jüdischen Versammlungsteilnehmern attackiert werden.

Schon vor Eintreffen der NSDAP befanden sich über 700 Menschen im Versammlungssaal des Hotels, welcher aus Sicherheitsgründen von Oberlandjägermeister Dinges in Absprache mit dem jüdischen Versammlungsleiter Hermann Hennig geräumt wurde.

Unbeirrt davon stieg Robert Ley kurz nach seiner Ankunft auf einen der LKWs und begann eine Rede. Parteimitglieder verteilten ohne polizeiliche Genehmigung Flugblätter und verkauften Zeitungen; schon hierbei gab es Zusammenstöße von NSDAP, Passanten und Polizei. Schließlich kam es zu einer offenen Prügelei zwischen einem Nationalsozialisten und Hermann Hennig. Laut Augenzeugen soll Hennig dem Nationalsozialisten aus dem Fenster des Veranstaltungssaals einen Faustschlag verpasst haben. Daraufhin eskalierte die Situation in einer Massenschlägerei. Als die Nastätter Feuerwehr anrückte, um den Tumult aufzulösen, zerstörten Nationalsozialisten ihren Spritzenwagen. Die nur vier anwesenden Landjäger wurden bald selbst von den Nationalsozialisten attackiert, die versuchten, sich gewaltsam Zutritt in den Saal zu verschaffen. Die Koblenzer Kriminalpolizei berichtet in ihrem Untersuchungsbericht:

„Besonders der Landjäger Seel wurde hart [von den Nationalsozialisten] bedrängt. Man hatte ihm Säbel und Pistole entrissen und schlug auf ihn ein, so daß er zu Boden stürzte. Als er auf dem Boden lag, wurde auf ihm herumgetrampelt. Dies sah der Landjäger Eiffert und gab, um dem Seel Luft zu machen, einen Schuß ab, wodurch ein gewisser Wilhelmi aus Singhofen getötet wurde. Wilhelmi trug nicht die Uniform der Nationalsozialisten, jedoch soll er ein Hakenkreuz sichtbar getragen haben.“

Der auf diese Art unabsichtlich getötete Wilhelm Wilhelmi war kaum 18 Jahre alt und kein Parteimitglied, auch wenn er laut dem Bericht mit der NSDAP sympathisierte. Sein plötzlicher Tod verhinderte noch schlimmere Ausschreitungen, da die Nationalsozialisten nun von den anderen abließen und die Leiche auf einer Bahre in die Leichenhalle des Nastätter Krankenhauses brachten. Danach fuhren sie alle davon.

Bei einer Polizeikontrolle der 30 Teilnehmer aus der Ortsgruppe Wiesbaden wurden nur Personalien aufgenommen. Die Koblenzer Polizei in Horchheim nahm in der gleichen Nacht 69 Nationalsozialisten aus Köln, Wiesdorf, Neuwied und Koblenz vorläufig fest.

Eine Gerichtsverhandlung über insgesamt 17 Angeklagte am 1. März 1928 verlangte für zehn davon wegen „schweren Aufruhrs in Tateinheit mit schwerem Landfriedensbruch“ eine Mindeststrafe von sechs Monaten Gefängnis – jedoch wurde das Verfahren am 24. Juli wegen des sog. Koch-Amnestiegesetzes vom 14. Juli eingestellt, welches den Nationalsozialisten hier und vielen weiteren Straftätern im Deutschen Reich Straffreiheit garantierte. Auch Hermann Hennig kam ohne größere gerichtliche Folgen davon, da der Strafantrag auf ihn durch einen Nationalsozialisten zu spät gestellt wurde.

Die staatlichen Behörden in Koblenz, Wiesbaden, Diez und St. Goarshausen waren von dem Vorfall überrascht und lösten Anfang 1927 die daran beteiligten NSDAP-Ortsgruppen auf. Die Landräte von Diez und St. Goarshausen drängten den damaligen Regierungspräsidenten in Wiesbaden, Fritz Ehrler, auf ein Verbot der NSDAP und verwandter nationalsozialistischer Gruppen, was dieser zwar erwog, jedoch als rechtlich nicht umsetzbar betrachtete.

Wilhelm Wilhelmi wurde von der Partei nachträglich in die SA aufgenommen und als erster Märtyrer und sogenannter „Blutzeuge“ der NS-Bewegung im Gau Hessen-Nassau stilisiert. Die NSDAP organisierte seine propagandistisch ausgerichtete Beerdigung und nutze auch Gedenkfeiern in den folgenden Jahren weiter für ihre Zwecke aus. Diese versuchte die Regierung durch diverse Erlasse zu unterbinden, um eventuell folgende Ausschreitungen zu vermeiden. Das führte jedoch im Gegenteil dazu, dass die Nationalsozialisten ihr Image als Stimme des deutschen Volkes gegen die „verhasste“ Weimarer Republik nur noch weiter kultivieren konnten – es wirkte ja geradezu so, als wolle die Regierung den Tod Wilhelmis vertuschen.

Landrat Scheuern aus Diez berichtete diesbezüglich am 14. März 1928 dem Regierungspräsidenten:

„In bäuerlichen Kreisen, die heute ohnedies wegen der Notlage der Landwirtschaft erbittert und aufgeregt sind, macht sich nachgerade in bedenklicher Weise der Unwille geltend gegen diese polizeilichen Zwangsmaßnahmen und gegen alles, was von der Regierung kommt und angeordnet wird. Zur Stärkung dieser Mißstimmung trägt noch der hetzerisch einseitige Pressekampf der NSDAP bei.“

Nach politischer Übernahme der NSDAP wurde in Nastätten 1934 eine Straße nach Wilhelmi benannt und er erhielt eine Gedenktafel am Hotel Guntrum. Auch in Koblenz wurde am 4. August 1933 bezeichnenderweise die Stresemannstraße in Wilhelm-Wilhelmi-Straße umbenannt.

Das bis zum 11. April 1928 geltende Verbot der NS-Ortsgruppen schränkte die nationalsozialistischen Aktivitäten ab Mitte 1927 nur noch wenig ein. Die Partei erhielt deutlichen Zulauf. Am 21. Juni 1928 konnte sie im unbesetzten Teil St. Goarshausens, im sog. Kauber Flaschenhals, eine erste Sonnenwendfeier mit zwei- bis dreitausend Teilnehmern aus den Gauen Rheinland-Süd und Hessen-Nassau inszenieren. Bei der Reichstagswahl am 20. Mai 1928 wird die NSDAP mit 24,3% der Stimmen die stärkste Partei in Nastätten. Bis zum 14. September 1930 steigerte sich dieser Stimmenanteil sogar auf 42,5%, bei der Reichstagswahl am 31. Juli 1932 waren es 67%.

Am 14. Juni 1932 wurde Adolf Hitler auf Antrag nationalsozialistischer Stadtverordneten Ehrenbürger von Nastätten. Damit war Nastätten die erste Stadt in Preußen, die Hitler diesen Titel verschaffte. Hitlers Ernennung zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 wurde in Nastätten und der Umgebung mit Fackelzügen und Gesang gefeiert.

Der Zweite Weltkrieg

Zeitzeugen aus Nastätten berichten, dass der Krieg schon lange – teilweise sehnsüchtig – erwartet wurde, obwohl niemand offen darüber sprach. Das erste Zeichen des Krieges in Nastätten war, als kurz nach Kriegsbeginn am 7. September feindliche Flugzeuge Flugblätter über der Stadt abwarfen. Am 13. September wurden die ersten deutschen Kriegsflüchtlinge in Nastätten einquartiert. Auch erhielt Nastätten im Laufe des Kriegs sowohl polnische Zwangsarbeiter als auch Kriegsgefangene aus der Sowjetunion und Frankreich zur Arbeit in der Landwirtschaft.

Bereits 1934 wurde auf dem Holler eine Flugwache eingerichtet, die den Flugbetrieb überwachen und insbesondere feindliche Flieger in Richtung Koblenz melden sollte. Die Gebäude wurden nach dem Krieg abgerissen.

Am 11. April 1943 fielen erstmals Bomben auf Nastätten, welches durch seine Lage zwischen Koblenz und Frankfurt in den Luftkrieg hineingezogen worden war. Sie richteten zwar keine größeren Schäden an, doch man beschloss trotzdem den Bau von Notunterkünften für Bombengeschädigte auf dem heutigen Marktplatz. Am 19. Oktober 1944 fielen insgesamt 84 Brandbomben und Zeugenaussagen nach fünf Sprengbomben auf Nastätten, die vor allem durch Brände große Schäden in der Stadt verursachten. Auch am 12. Dezember 1944, am 2. Februar und am 22. März 1945 fielen Bomben und töteten Zivilisten.

Bis zum März 1945 war die Nastätter Bevölkerung des Kriegs müde und leisteten kaum noch Widerstand. Amerikanische Truppen rückten am Vormittag des 27. März ein. Im Juni übergaben sie die Besatzung an die Franzosen.

Judenpogrome in Nastätten

Zur Zeit der Weimarer Republik waren 2,7% der Einwohner Nastättens jüdisch. Bis 1933 waren das stets etwa 60 bis 70 Personen gewesen.

Schon 1932 forderten NSDAP-Ortsgruppenleiter die Bevölkerung Nastättens mehrfach zum Boykott jüdischer Geschäfte auf, welches die Mehrheit der Bevölkerung zwar nicht beachtete, jedoch ebenso keine Solidarität mit ihren jüdischen Nachbarn bekundete. Insbesondere die demokratischen Parteien, das Zentrum und die SPD, unternahmen nichts dagegen. Am 1. April 1933, einem verkaufsoffenen Sonntag, organisierten die Nationalsozialisten in Nastätten, Lahnstein, Bad Ems und Diez einen landesweiten Judenboykott. Jüdische Geschäfte wurden mit Davidsternen und antisemitischen Parolen beschmiert. SA- und SS-Männer postierten sich vor den Geschäften, und wer trotzdem dort einkaufte, wurde namentlich erfasst.

Bis zum Jahr 1933 gelang 18 der noch 53 in Nastätten lebenden Juden die Ausreise.

Innerhalb der Novemberpogrome begangen SA, Nationalsozialisten und gewaltbereite Mitläufer schwere Zerstörungen jüdischen Eigentums in der Nacht des 10. Novembers 1938. Juden wurden gewaltsam aus ihren Wohnungen auf die Straße gezerrt und unter teilweise sehr schweren Misshandlungen in die Synagoge gebracht. Von dort aus wurden am nächsten Tag alle jüdischen Männer von 18 bis 60 Jahren über Frankfurt in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert.

Die erst 1903/4 erbaute Synagoge wurde extrem schwer beschädigt und 1939 schließlich abgerissen.

Wenige Tage später, am 16. November 1938, kam es zu erneuten antisemitischen Ausschreitungen, als der Jude Nathan Nathan mit seiner Frau Emilie und Tochter Irma (verheiratete Stein) aus Frankfurt a.M. zurückkehrten. Sie waren dort von einem befreundeten Ehepaar aus Nastätten in Sicherheit gebracht worden, bevor es zu dem ersten Pogrom kam. Nathan wurde bei seiner Ankunft von Jugendlichen attackiert, sodass sich die Rückkehr der Familie schnell herumsprach. Daraufhin postierte sich die SA vor ihrer Wohnung, schlug Nathan bis zur Bewusstlosigkeit und misshandelte die beiden Frauen im Haus. Obwohl es genügend Zeugenaussagen über die Brutalität der SA-Männer gab, schritt niemand ein. Der Familie Nathan gelang später die erneute Flucht nach Frankfurt.

Insgesamt wurden zwischen 1941 und 1942 23 Nastätter Juden deportiert und in Konzentrationslagern ermordet.

Nachkriegszeit bis Gegenwart

Der Wiederaufbau und die Normalisierung des Lebens in Nastätten nach dem Zweiten Weltkrieg gelang vor allem dadurch, dass der größte Arbeitgeber, die Firma Kampf & Spindler, bereits am 1. Juli 1945 die Arbeit teilweise wiederaufnehmen konnte. Auch konnten sich viele Bürger durch die Landwirtschaft weitgehend selbst versorgen.

Seit 1946 ist Nastätten Teil des damals neu geschaffenen Bundeslandes Rheinland-Pfalz. Seit 1969 gehört es zum Rhein-Lahn-Kreis und ist seit 1972 Sitz der neu gegründeten Verbandsgemeinde Nastätten.

Seit den 1950er Jahren wird Nastätten stetig um den Stadtkern herum ausgebaut. Unter anderem durch die Nähe zu Wiesbaden und Koblenz bietet die Stadt einen attraktiven Lebensort.

1984 eröffnete das Heimatmuseum „Blaues Ländchen“ in der ehemaligen Realschule. Es gibt zahlreiche Kulturdenkmäler in Nastätten, unter anderem viele Fachwerkhäuser bis aus dem 17. Jahrhundert.

Der Beitrag steht unter Einhaltung der Bildrechte von Dritten zur freien Verfügung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.